Thüringer Zister |
Andreas Michel |
Die ältesten Quellen zum Zisternspiel und -bau in Thüringen stammen aus dem 16. Jahrhundert. |
In der Nordhäuser Schulordnung von 1583 wird den Schülern das "Spatzieren in den Gassen bei Tag und Nacht und Nebel, mit Lauten, Zinken, Cithern und andern Instrumenten, zu jeder Jahreszeit" verboten (nach G. Kraft: Die Grundlagen der thüringischen Musikkultur um 1600. Würzburg 1941, S. 171) |
Im zweiten Teil des "Adelsspiegels" von Cyriak Spangenberg heißt es 1594: "Andere haben ire lust / das sie viel Gesinde / Knecht und Diener haben / als man wol findet / die beneben ihren eigen Schneidern / Reitschmieden und Barbierern / auch ihre eigen Trummeter / Lautenisten oder Citharschlager / Sackpfeiffer / Geuckler und Stocknarrn
haben". (Cyriak Spangenberg: Ander Teil des Adelsspiegels, Schmalkalden 1594, S. 456v.) |
Am berühmtesten dürfte wohl Johann Sebastian Bachs Zeugnis über seinen zisterspielenden Vorfahren Veit Bach, der 1619
starb, sein: |
"Vitus Bach, ein Weißbecker in Ungern, hat im 16ten
Seculo der lutherischen Religion halben aus Ungern entweichen müßen. Ist
dannenhero, nachdem er seine Güter, so viel es sich hat wollen thun
laßen, zu Gelde gemacht, in Teütschland gezogen; und da hat er in
Thüringen genugsame Sicherheit vor die lutherische Religion gefunden,
hat er sich in Wechmar, nahe bei Gotha niedergelaßen, und seines Beckers
Profession fortgetrieben. Er hat sein meistes Vergnügen an einem
Cythringen gehabt, welches er auch mit in die Mühle genommen, und
währendem Mahlen darauf gespielet. (Es muß doch hübsch zusammen
geklungen haben! Wiewol er doch dabey den Tact hat sich imprimiren
lernen.) Und dieses ist gleichsam der Anfang zur Music bey seinen
Nachkommen gewesen." (Johann Sebastian Bach: Die "musicalisch-Bachische
Familie", Leipzig 1735. Nach: Bach-Dokumente, Bd. I, Leipzig 1963, S.
255) |
Auf den Bau von Zistern verweisen 1601
Renthereyrechnungen des Erfurter Lautenmachers Steffen Anemann für den
Sondershäuser Hof. |
Nach Ausweis von "Renthereyrechnungen" des
Sondershäuser Hofes wurden im Jahre 1601 an den Erfurter Lautenmacher
Steffen Anemann 11 Gulden 9 Gr. für neue Lauten- und Zitherinstrumente
bezahlt. Bei besonderen Anlässen wurden die Hofmusiker durch fremde
Musikanten verstärkt; nach den "Renthereyrechnungen" erhielten bei einer
solchen Gelegenheit der Lautenist Hübner 16 und der Zitherist Jahn aus
Halle 8 Gulden. (nach G. Lutze: Aus Sondershausens Vergangenheit, Band
II, Sondershausen 1909, S. 122f.; F. W. Beinroth: Musikgeschichte der
Stadt Sondershausen von ihren Anfängen bis zum Ende des 19.
Jahrhunderts. Innsbruck 1943, S. 95f.) |
Instrumenteninventar von Peter Hackenbroich. Am 8.8.1611 inventarisierten die
Sachverständigen Arnold Findinger und Hans Helmer in der Wohnung und Werkstatt des verstorbenen Lautenmachers und
-händlers Peter Hackenbroich vor dem Rannischen Tor und verzeichneten u.a. (nach Wustmann 1909, S. 166f. und 203):
"2 Zittern zusammen vor 12 g."
"3 erffurdische bauchzittern zu 15 g. 9 æ"
"4 Cölnische Zittern, in Futtern zus. 15 f."
"7 Erffurdische schlechte Zittern zus. 3 f. 7 g."
"Vier Erffurdische Zittern, ie 19 g 9 æ"
"2 Leipzigische Zittern zus. 1 f."
"62 Zitterdecken, 62 g."
"64 geschnittene Zitter- und Geyenhälse, je 3 g."
"33 eingesenckte Zitterstern, je 2 g."
"34 schlechte zitterstern, je 8 æ"
"4 Dutzend Dennene Zitter Köpf, zus. 1 f."
"1 klein Kestlein mit Meßingen und hülzern
Zittergriffen, zus. vor 5 g."
"Allerley Zittersaiten 10 g 6 æ" |
|
Zehn Jahre später werden in dem Inventar des
Leipziger Lautenmachers und -händlers Peter Hackenbroich
Erffurdische Zittern, Erffurdische Bauchzittern und Erffurdische
schlechte Zittern aufgeführt. Allerdings ist anhand der
Inventaraufzeichnungen nicht zu klären, ob es sich hier um ein
oder mehrere spezielle Erfurter Zisternmodelle oder ob es sich
lediglich um Zistern aus Erfurt oder auch der Umgebung von
Erfurt handelte. Die Einteilung der Instrumente in zwei
Kategorien: (gewöhnliche) Erffurdische Zittern und Erffurdische
schlechte Zittern deutet auf unterschiedliche qualitative
Ausführungen der Instrumente hin. In dem Inventar werden vier
Instrumente der besseren Kategorie auf einen Wert von je 19
Groschen und 9 Pfennigen geschätzt, während die sieben
"schlechten" Zistern mit insgesamt 3 Gulden und 7 Groschen
ausgewiesen wurden. Daß heißt, der Wert einer Erffurdischen
schlechten Zitter betrug etwa die Hälfte des Wertes eines
Instruments der anderen Kategorie (Zugrunde gelegte Wertangaben:
Gulden 1584, Sachsen, 1 Gulden = 21 Groschen; nach H. Kahnt und
B. Knorr: Alte Maße, Münzen und Gewichte, Leipzig 1986, S. 114).
Lit..: Heyde 1996, 222/23 |
|
Für das nur etwa 15 km westlich von Erfurt liegende
Grabsleben bescheinigt 1684 Georg Michael Pfefferkorn den Zisternbau: |
"sonderlich wird die Music in Kirchen und Schulen /
in Städten und Dörffern fleisig getrieben; Die Thüringer wissen was die
Alten ** gesagt / (illum non esse harmonice compositum, qvi Musicam non
amat) der hätte keine Proportion weder am Gemüthe noch am Leibe / der
nicht ein Liebhaber der Sing-Kunst were. Daher / daß der Fürstl. und
Gräfl. Capellen nicht gedenke / ist sonderlich in den Kirchen zu Gotha /
und den umliegenden Dorffschaften / eine solche Vocal- und
Instrumental-Music / daß auch manches unter angeführten Dörffern dißfalß
besser ist / als die Städte in andern Provinzen.
Es werden dieser Orten / weil auch die Bauren die Instrumente verstehen
/ nicht allein allerhand Seitenspiele von Violinen und Violonen / Viol
di Gamben / Clavizimbeln / Spinetten / Zitrinchen / auff Dörffern /
sonderlich zu Grabsleben verfertigt / sondern man findet auch oft in
geringen Kirchspielen Orgel-Werke mit so vielen Auszügen und Variationen
/ daß man sich darüber verwundern muß. Insonderheit aber haben die
Lindemanni / Altenburgii / Ahlen / Brigel / Bachen und andre / mit ihrem
Componiren / dieser Provinz nicht einen geringen Nahmen wegen der Music
gemacht." (Georg Michael Pfefferkorn: Merkwürdige und auserlesene
Geschichte von der berühmten Landgrafschaft Thüringen, Frankfurt und
Gotha 1684, S. 41f.) |
Eine der wichtigsten Quellen aus dem 17. Jahrhundert
für das Zisternspiel in Thüringen stellt die Tabulatur im sogenannten
Stammbuch des Elias Walther dar. |
Stammbuch Elias Walther, um 1660-1664; Dresden,
Sächsische Landesbibliothek, Musikabteilung, Mscr. Dresd. App. 1548;
französische Lautentabulaturschrift, 4 Linien, für vierchörige Zister,
um 1660-1664; 186 fol. und 1 Vorsatzblatt (Rückseite leer),
unbeschrieben f. 19v-21, 64-68, 69v-73, 74v, 75v, 76v-78, 79v-82, 83v,
84v, 85v, 86v, 87v-92, 93v, 94v, 95v, 96v, 97v, 99v, 100v, 102v-105; 9,0
x 15,5 cm, Tab. Teil: f. 1-12, 22-54r, für vierchörige Zister,
Streichungen: f. 31v; Titel: Vorsatzbl. Ir "Sperat infestis, metuit
secundis / Alteram sortem benè praeparatum / Pectus, informes hyemes
reducit / jupiter, idem / summovet. Non sie malè nunc, et olim / Sic
erit. - Horat. Od. 10 lib. 2. / Elias Walther, Arnstadia Thuringus",
Stammbuch des Elias Walther, dessen erster Teil - etwa ein Viertel des
Volumens umfassend - ziemlich geschlossen die Niederschrift in Tabulatur
enthält, deren Schriftmerkmale kaum schwanken. Danach
Widmungseintragungen von Professoren und Kommilitonen, deren Datierungen
sind: Straßburg und Stuttgart 1664, Tübingen, Heidelberg und Frankfurt
a.M. 1667. Da Walther durch die Tübinger Promotion 1664 bekannt ist,
darf angenommen werden, daß der Tabulatur-Teil wenige Jahre zuvor, wohl
in der Studentenzeit aufgezeichnet wurde. Mit Beginn der
Widmungseintragungen f. 69r (1664) scheinen keine weiteren Ergänzungen
in der Tabulatur vorgenommen worden zu sein; Bünde a - l, rhythmische
Zeichen über dem System, Verzierungs- und Fingersatzzeichen fehlen, 1
Schreiber (Elias Walther), dunkelbrauner Ledereinband der Zeit,
Goldschnitt, originale Heftung; freie Instrumentalsätze, Tänze, Arien,
deutsche Liedsätze. Vgl. Boetticher 1978, S. 93f.; Reich 1970, S. 34;
Katalog der Handschriften der Sächsischen Landesbibliothek zu Dresden,
Band V, Dresden 1986, S. 240. |
Elias Walther stammte aus Arnstadt, das sich in
unmittelbarer Nähe von Grabsleben, Crawinkel und Erfurt - Zentren des
thüringischen Zisternbaus - befindet. Die in Walthers Stammbuch
intavolierten Stücke verweisen auf eine vierchörige Zister in jener
Stimmung, wie sie Michael Praetorius 1619 für das Klein Englisch
Zitterlein dokumentierte: f² b' d² g². Nachdrücklich bemerkte er dazu:
"Denn die Secund, oder der vierdte Chor wird nur umb eine Secund
niedriger / als die Quint oder erste Chor gestimmet" (Praetorius 1619,
S. 55). |
Da insbesondere in sächsischen Quellen nach 1620 das
Klein Englisch Zitterlein mehrfach erwähnt wird, unter anderem am
Dresdner Hof, darf auf eine Verbreitung der entsprechenden Stimmung
geschlossen werden. |
Heinrich Schütz: Memorial, Dresden 1625, H. St. A.
Dresden Loc. 8687 Kantoreiordnung so Kurfürst Moritz ... 1548, Bl. 49,
undatiert; Schütz erwähnte in diesem Memorial "Wegen Michael Mölichs
seeligen zweyer hinterlassenen Capelknaben" als einen der beiden Knaben
Gabriel Günther "mit dem kleinen Englischen Cytherlein". In einem
späteren Memorial "In Musicanten sachen" vom 14. 7. 1628 wird Günther
als "Discantist" geführt und in einem Musikantenverzeichnis von 1631
heißt es: "Gabriel Günther. gebrauchet das Englische Citherlein."
Günther starb 1633. In einem weiteren Memorial von Schütz (H. St. A.
Dresden, Collection Schmidt, Amt Dresden, Vol. X, Nr. 284; vgl.
Faksimile in MGG III, S. 765) findet "Hans Pelz welcher itzo zu Berlin
bey dem Engelländer auf dem Citerlein lernet" Erwähnung. (Nach Müller
1931, S. 88, 93, 114, 328; Becker-Glauch 1951, S. 86)
Kantoreiordnung so Kurfürst Moritz ... 1548, H. St. A. Dresden Loc.
8687, Bl. 53; das 1627 verfaßte "Verzeichnüs derer Personen aus den
Musicanten welche zu der Aufwartung beydes an den Predigttagen vundt bey
der Taffel, mit nacher Mulhaussen könten genomen werden", führt unter
Nr. 14 auf: "Beltz. mit dem Englischen Cytherlein." Johann Peltz wurde
nach Berlin geschickt, um bei dem "englischen Musicus" das Zisternspiel
zu erlernen. 1627 ist er wieder in Dresden; er starb vor 1633. (Nach
Müller 1931, S. 86, 324) |
Sie weist einige Merkmale auf, die sie als
"Übergangsstimmung" von den klassischen Zisternstimmungen des 16.
Jahrhunderts zu den modernen Zisternstimmungen Thüringer Provenienz
qualifizieren: a) Sie enthält keine Oktavierungen innerhalb der
einzelnen Saitenchöre; b) die Inversion der Saitenchöre bleibt zwar
weiter bestehen, aber das Sekundintervall zwischen 1. und 2. Chor wird
vermieden und durch die "moderne" Quarte ersetzt: |
Zisterntyp |
Quelle |
Stimmung |
Italianische Cither, 16. Jh. |
Praetorius 1619, S. 54 |
h |
g |
d' |
e' |
Thüringer Zister, 17. Jh. |
Stammbuch Walther, um 1660 |
d' |
g |
h |
e' |
Thüringer Zister, 18./19. Jh. |
Roese 1896, S. 24 & Herold 1920:
"Bergmannsstimmung" |
g |
h |
d' |
g' |
|
Die jüngste Stimmung hebt die Inversion der
Saitenchöre gänzlich auf und verändert den höchsten Chor in g', um das
Quartintervall zu bewahren. Damit wird aus der ursprünglichen und nur
auf die Chöre 2 bis 4 beschränkten Dreiklangsstimmung eine reine
G-Dur-Stimmung. |
Im 18. und 19. Jahrhundert erfahren die Thüringer
Zistern eine Erweiterung der Saitenzahl. Man kann die Fünfchörigkeit als
Standard annehmen, jedoch treten häufig zusätzliche Erweiterungen mit
Baßsaiten auf. Im Unterschied zu den Theorbenzistern werden die
zusätzlichen, neben dem Griffbrett geführten Saiten allerdings nicht
größer mensuriert. Als Obersattel dient in der Regel der über das
Griffbrett seitlich hinausragende 0.-Bund (vgl. Inv.-Nr. 3320). |
Für diese Instrumente galten ebenfalls
Grundstimmungen auf Dreiklangsbasis, wobei jedoch das Quartintervall
zwischen 3. und 4. Chor lag. Für die Stimmung der zusätzlichen Baßsaiten
kann eine relative Variabilität angenommen werden. |
Das unweit von Eisenach gelegene Dorf Crawinkel war
ein historisch bedeutsames Zentrum des thüringischen
Musikinstrumentenbaus. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
erlangte dort die Herstellung von Zistern eine beachtliche Blüte. In der
Regel waren es Geigenmacher, die sich mit dem Zisternbau befaßten und
ein, wenn auch individuell variiertes, typisches regional definiertes
Modell schufen. Von verschiedenen Instrumentenmachern sind zahlreiche
Zistern bekannt: Johann Wolfgang Wolf (1731-1808), Johann Caspar Wolf
(1757- nach 1800), Georg Nicolaus Köllmer (1775-1850), Johann Christian
Bäumler (1820-1879). |
Die heute als Thüringer Zither bezeichneten
Instrumente lassen sich im wesentlichen auf zwei Modelle zurückführen,
die sich durch die Korpusform, die Ausführung von Halsklotz und
Halsansatz, die untere Saitenbefestigung und die Wirbelkastengestaltung
unterscheiden. |
Aus einem Vergleich der Zistern Inv.-Nr. 635 und 636,
die für beide Modelle repräsentativ sind, gehen die markanten
Unterschiede hervor. Beide Instrumente weisen zwar zunächst einen
ähnlichen Korpusaufbau auf - je zwei Decken- und Bodenrippen sitzen auf
Seitenklötzen - jedoch sind für sie jeweils individuelle technologische
Lösungen für die Gestaltung des Halsklotzes und -ansatzes
charakteristisch. Bei Inv.-Nr. 636 münden die Zargen in den
eingeschnittenen Halsstock, der zusammen mit dem Oberklotz aus einem
Stück gefertigt wurde. Dabei wurde der Oberklotz nicht der Zargenbiegung
angepaßt, sondern einfach in rechteckiger Form zur Verkeilung der Zargen
im Halsstock verwandt. |
|
|
Zargenverbindung am Halsstock bei Thüringer Zistern;
links: Crawinkeler Modell (Inv.-Nr. 635), rechts: Inv.-Nr. 636) |
|
1 = |
Halsstock |
2 = |
Zargen |
3 = |
Profilleistchen über Fuge von Zarge und Halsstock |
|
|
|
Inv.-Nr. 635 |
Inv.-Nr. 636 |
Korpuslänge |
387 |
340,5 |
max. Korpusbreite |
264,7 |
272,4 |
Kl : Kbmax |
1,462 (19 : 13) |
1,25 (5 : 4) |
|
Bei der Zister Inv.-Nr. 635 wurden die
Zargenenden großflächig auf den Oberklotz geleimt, die Fuge
von Halsstock und Zarge verdeckt ein zisterntypisches
Profilleistchen (in der Literatur meist als "Halbsäulchen"
bezeichnet), das auf der Bodenplatte aufsitzt. Die
unterschiedliche Technologie der Zargen-Halsstock-Verbindung
wirkt sich auf die Korpusproportionen unmittelbar aus. |
|
Beide Modelle unterschieden sich weiterhin durch die
Art der unterständigen Saitenbefestigung. Bei Inv.-Nr. 635 werden die
Saiten einfach an Stifte geknüpft und über einen in die Deckenkante
eingelassenen Untersattel aus Hartholz geführt. Die Zistern des anderen
Modells (Inv.-Nr. 636) besitzen einen Saitenhalter aus Metallhaken, die
durch einen auf der Deckenkante sitzenden Untersattel verlaufen. |
|
Thüringer Zister, um 1800, unsigniert, Inv.-Nr. 636 Unterständige Saitenbefestigung |
|
Die Thüringer Zistern des 18. und 19. Jahrhunderts
weisen zudem in der Regel an den Stirnkanten der Griffbretter
ausgestochene Klammerprofile auf. Dabei sind zahlreiche individuelle
Gestaltungen zu erkennen, die möglicherweise für ihre Hersteller oder
deren Werkstätten eine Art Identifikationsmerkmal bilden. |
Seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich
sowohl in als auch außerhalb Thüringens für die Zister der Name
Thüringer Zither eingebürgert. Wohl unter dem Konkurrenzdruck der
modernen - halslosen - Konzertzither vom Salzburger oder Mittenwalder
Typ, auf die der historische Name des Halschordophons übertragen wurde,
machte sich ein definitorischer Namenszusatz notwendig. 1865 findet sich
in der Literatur mit Thüringische Bergmannslaute eine der frühesten
Erwähnungen (Gustav Klemm: Vor fünfzig Jahren. Culturgeschichtliche Briefe, Bd.
1, Stuttgart 1865, S. 230). Seit den vierziger Jahres des 19. Jahrhunderts ist
der Name "Waldzither" nachweisbar. |
Das 1879 von Hermann Mendel und August Reißmann herausgegebene "Musikalische Conversations-Lexikon"
beschreibt die Thüringer Zither mit bemerkenswerter Präzision: "In unserer modernen Musik findet diese Art von
Zither, welche in früheren Jahrhunderten einen nicht unbedeutsamen Platz
in der Instrumentalmusik einnahm, nur selten und ausnahmsweise
Verwendung. Jedoch hat sie sich als Volksinstrument in Deutschland bei
den Thüringer Bergleuten bis in die Gegenwart im Gebrauche erhalten.
Diese Thüringer Zither wird in drei verschiedenen Grössen, als Discant-,
Tenor- und Basszither angewendet. Jede derselben ist mit 4
Metall-Doppelsaiten bezogen, welche mit einem Federkiele oder mit den
Fingern der rechten Hand intonirt werden, während die linke Hand die
Griffe auf derselben ausführt. Die Saiten der Discantzither stimmen in a
d' fis' a', die der Tenorzither in g c' e' g', der Basszither in e a c'
e'. Der Tonumfang einer jeden dieser Zither beträgt in chromatischer
Tonfolge zwei Octaven." (Hermann Mendel und August Reißmann:
Musikalisches Conversations-Lexikon, 11. Band, Berlin 1879, S. 495) |
Allerdings finden sich in den Publikationen fortan
vor allem Erwähnungen, die den Rückzug des Instruments dokumentieren
und, ausschließlich auf Sekundärquellen basierend, zunehmend Irrtümer -
wie im folgenden Beispiel zu den Bünden - kundtun: "Die sogenannte
Thüringer Zither ist einer Laute ähnlich, am Boden nicht ausgebaucht und
hat um den Hals festgebundene Darmsaiten als Bünde oder Positionen." (A.
Guckeisen: Die Geschichte der Musikinstrumente. Guitarre und Zither. In:
Neue Musik-Zeitung. Illustriertes Familienblatt. V. Jahrgang, Köln 1884,
S. 39). |
Als eine der informativsten Quellen zur Thüringer
Zister aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert darf das von Hans von Au verfasste Lehrwerk
gelten, dessen Einleitung Angaben zu Besaitung, Stimmung und Spielweise
enthält. |
|
H. v. A.: Leicht faßl. Anleit. zum Spiel der Thür. Zither / bestehend aus leicht. Tänzen / einfachen / Volksmelodien und / Uebungsstücken, redigiert von Fritz Werner, K. Ferd.
Heckel, Mannheim o.J. (vor 1912)
Die Originalausgabe diese Schule: "A., H. v.: Anleitung zum Spiel der Thüringer
Zither" erschien bereits vor 1868 im Weimarer Verlag Kühn Weimar |
|
Thüringer Zister |
Chöre |
Mensur |
Stimmlage |
Inv.-Nr. 3322 |
5 |
353 |
"Diskant" |
Inv.-Nr. 634 |
5 |
413 |
"Tenor" |
Inv.-Nr. 3320 |
7 |
413 |
"Tenor" |
Inv.-Nr. 636 |
5 |
415 |
"Tenor" |
Inv.-Nr. 635 |
5 (6) |
475 |
"Baß" |
Inv.-Nr. 638 |
5 |
480 |
"Baß" |
Inv.-Nr. 637 |
6 |
475 |
"Baß" |
|
|
Die Mensuren der Thüringer Zistern weisen erhebliche Unterschiede auf, die jedoch merklich eine Tendenz zur Familienbildung erkennen lassen: Es lassen sich deutlich drei Gruppierungen herauslesen:
a) Instrumente mit Mensuren um 355/360 mm;
b) Instrumente mit Mensuren um 415 mm und
c) Instrumente mit Mensuren um 475 mm.
Umgerechnet auf Intervallverhältnisse steht die kleinste
Mensurierung etwa eine Quarte und die mittlere etwa eine
kleine Terz über der größten Mensur. Damit entsprechen die
Zistern der in der Literatur angegebenen Familienbildung:
Baßzister in A, Tenorzister in C und Diskantzister in D (die
kürzeste Mensur kann möglicherweise der Terzzister in Es
zugeordnet werden). Die Bezeichnungen dürften allerdings
hauptsächlich zur Unterscheidung von Baugrößen, weniger zur
Definition von deutlich und funktional abgesetzten
Stimmlagen dienen. |
Hermann Mendel und August
Reißmann: Musikalisches Conversations-Lexikon,
11. Band, Berlin 1879, S. 495: "Diese Thüringer
Zither wird in drei verschiedenen Grössen, als
Discant-, Tenor- und Basszither angewendet. Jede
derselben ist mit 4 Metall-Doppelsaiten bezogen,
welche mit einem Federkiele oder mit den Fingern
der rechten Hand intonirt werden, während die
linke Hand die Griffe auf derselben ausführt.
Die Saiten der Discantzither stimmen in a d'
fis' a', die der Tenorzither in g c' e' g', der
Basszither in e a c' e'. Der Tonumfang einer
jeden dieser Zither beträgt in chromatischer
Tonfolge zwei Octaven." |
|
Bis zur Gegenwart hat sich die Tradition des
Zisternspiels in einigen Gebieten Thüringens erhalten, wenngleich seit
dem Ende des 19. Jahrhunderts ein erheblicher Rückgang im Gebrauch der
Zister, bedingt durch den Einfluß des Gitarrenspiels, registriert werden
muß. |
Das "Welt-Adreßbuch der gesamten
Musikinstrumenten-Industrie" von Paul de Wit verzeichnet in seiner
Ausgabe von 1912 nur noch drei Thüringer Zisternhersteller: |
Großbreitenbach |
"Kilian Cramer (Inh. Caesar Cramer und Rudolf Otto), Spielwaren-Fabrik, fertigt als Spez.: Kindergeigen, Trommeln, Tambourins usw. Gegr. 1900" (de Wit 1912, S. 143, 1293) |
Schmiedefeld |
"Otto Annemüller, Verf. von Thüringer Volkszithern." (ebd., S. 284) |
Suhl |
"F. S. Möller, Albrechtser Berg 7, Verfertiger der "Thüringer-Wald"-Zithern." (ebd., S. 303) |
|
Glockenname |
I. |
II. |
Glitzer |
c''' |
es''' |
Böller |
e"/g" |
g"/b" |
Lammschellen |
c'' |
es" |
Beischlag |
g' |
b' |
Auwschellen |
e' |
g' |
Halbstumpf |
c' |
es' |
Mengel |
g |
b |
Mittelstumpf |
e |
g |
Baß |
c |
es |
Generalbaß |
G |
B |
|
Bis in das späte 19. Jahrhundert gehörten
die Zistern jedoch zu den dominierenden und gut bekannten
Musikinstrumenten. Eindrucksvoll wird diese Behauptung durch ein
indirektes Zeugnis belegt: Die Dreiklangsstimmung der Zister
diente als Vorbild und Hilfe zum Abstimmen von Herdengeläuten.
Die Hersteller der "Viehschellen", das heißt, von geschmiedeten
Klöppelglocken, stimmten das bis zu zehn Größen umfassende
Geläut nach der Bergmannszither (A. Röse: Das Herdengeläut im
Thüringer Wald. In: Leipziger Illustrierte Zeitung, 13.6.1857,
Nr. 728, S. 471-473; siehe auch E. Mascher: Brauchgebundene
Musikinstrumente in Niedersachsen. Hildesheim 1986, S. 54). Für
das "Kingsche" (= hohe) Geläut beispielsweise existierten zwei
Stimmverfahren "nach der Bergmannszither". Der ersten Stimmung
lag diejenige der sogenannten "Tenorzither" (in c), der zweiten
die der "Terzzither" (in es) zugrunde. |
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Inhalt | Übersicht | Quellen | Bibliographie |
Stimmungen
| 634 | 635 |
636 | 637 | 638 | 3320 | 3322 |
© STUDIA INSTRUMENTORUM MUSICAE 2007 |